Hörtipp: Daumen hoch! Handzeichen und Gesten
Vorschau: ORF Radio Österreich 1. Mittwoch, 24. Februar, 14:40-14:55, Moment – Leben heute
Handzeichen werden verwendet, wenn Worte nicht reichen, oder wenn ihr Gebrauch nicht möglich ist. Gesten mit der Hand können oft pointierter ausdrücken, was man verbal erst erklären müsste: Verschwinde, alles ok, bei dir piept’s wohl, etc. Im internationalen Kontext können bei dieser Art der Kommunikation durchaus veritable Missverständnisse entstehen, wenn Signale in anderen Kulturkreisen ganz anders interpretiert werden. Eine akustische Betrachtung des wortlosen Redens mit der Hand. (Lothar Bodingbauer)
Gesten muss man lernen. Normalerweise geht das automatisch, aber bei Reisen in andere Kulturkreise zahlt es sich aus, sich die Unterschiede genauer anzusehen. Zum Beispiel beim Daumen nach oben. OK, super, alles in Ordnung. In Südamerika inflationär und mit großer Bedeutung eingesetzt, ist gerade dieses Symbol in Afghanistan und Iran ein Äquivalent für den “Stinkefinger”.
Im internationalen Kontext können bei der nonverbalen Kommunikation durchaus veritable Missverständnisse entstehen, wenn Signale in anderen Kulturkreisen ganz anders interpretiert werden.
Überhaupt: der Stinkefinger, lateinisch “digitus impudicus”, der unverschämte Finger. Der ausgestreckte Mittelfinger ist ein Zeichen für männliche Aggressionsbereitschaft. Eine andere Erklärung stammt aus dem Mittelalter, als englischen Bogenschützen, die von den Franzosen gefangengenommen wurden, der Mittelfinger abgeschnitten wurde. Als sich Engländer und Franzosen wieder einmal bei einer Schlacht gegenüberstanden, streckten jene, die den Mittelfinger noch hatten, diesen drohend in den Himmel.
Wer den Stinkefinger noch gerne etwas verschärfen möchte, könnte die dem Mittelfinger benachbarten Ring- und Zeigefinger etwas in die Höhe strecken. So entsteht ein Zeichen für Penis mit Hoden, und die Sache wird noch wirkungsvoller den Adressaten erreichen.
Üblicherweise nehmen wir an, dass im kühlen Norden Menschen weniger mit Gesten sprechen, als in südlicheren Gegenden. Wissenschaftler bestreite das aber, und sagen, die Art der Geste ist anders. Im Süden wird mehr mit der gesamten Hand aus der Schulter heraus gestikuliert. Japaner wiederum gestikulieren fast gar nicht, in diesem Kulturkreis werden Gesten wirklich sehr zurückhaltend eingesetzt.
Gesten sind archaisch, waren oft notwendig, zur Beschwichtigung des Nachbarn, wenn dieser eine andere Sprache sprach. Gestik war wichtig für Deeskalation, und das ist auch heute noch so.
Für Kommunikationswissenschaftler stellen sich viele spannende Fragen um die Verwendung der Gestik als nonverbale Kommunikation. Welche Unterschiede gibt es in den Kulturen, wie wird die Bedeutung vereinbart? Psychologen studieren die beteiligten Emotionen: In der Verbindung mit Körpersprache etwa gibt es eine Untersuchung, dass sich Kinder, die mit Hunden oder anderen Haustieren aufgewachsen sind, sich im sozialen Umgang leichter tun, weil sie besser gelernt haben, mit Körpersprache umzugehen.
Pantomimen beschäftigen sich in besonderer Weise mit den Gesten. Sie sind Spezialisten für die Bedeutung von Gesten – im Bereich zwischen völlig wortlosen Tanz und wortreichem Theater. Der österreichische Pantomime Samy Molcho bestätigt die Bedeutung von Gesten für die Vermittlung emotionaler Inhalte in der Distanz: Für Emotionen auf geringe Nähe ist die Körpersprache notwendig, die im Allgemeinen im Gegensatz zu Gesten nicht erlernt werden muss, die eine Funktion des Körpers ist.
Gesten sind lokal fein abgestimmt. Man muss sie lernen, sie bedeuten immer etwas ganz Bestimmtes. Die spannende Frage ist dabei immer wieder: Was lösen sie aus?
Buch-Tipps
- Judith Reker und Julia Gosse “Versteh mich nicht falsch. Gesten weltweit. Das Handbuch”, Bierke Verlag
- Samy Molcho, “Umarme mich, aber rühr mich nicht an – Körpersprache der Beziehungen von Nähe und Distanz”, Ariston Verlag
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